6. Juni 2019

Beeindruckende Ansprache am Ehrenmal

Petra Blöß
Die Rede von Bokels Brudermeister Hubert Röhr im Original

Bokel (pkb). Unvergessen blieb in diesem Jahr nach dem Bokeler Schützenfest die Ansprache von Brudermeister Hubert Röhr. Wie versprochen veröffentlichen wir nachstehend die komplette Rede im Original:

Sehr geehrte Majestäten, sehr geehrte Obristen, liebe Schützenbrüder, verehrte Gäste

Zeit

Es gibt die Zeit des neuen Lebens, die Zeit des Heranwachsens, die Zeit des Lernens, der Arbeit, die Zeit des Alterns, die Zeit des Sterbens.

Dieses ist in groben Zügen der chronologische Ablauf unserer Lebenszeit.

Es gibt Zeiten der Freude, der Liebe, der Hoffnung, Zeit der Krankheit, der Hetze, Zeit der Besinnung, Zeit der Trauer, vergeudete, sinnlose Zeit, Zeit der Kriege.

Gar zu oft in unserem hektischem Leben sind wir der Meinung " uns fehlt die Zeit" uns fehlt die Zeit für Dinge, die wir schon seit langem geplant haben, aber immer wieder aufgrund angeblich wichtigerer Dinge aufschieben.

Auch mir geht es so.

Und nun komme ich darauf, wie ich zu dem Thema meiner Rede gekommen bin.

Anfang Februar saß ich Freitag abends bei meinem Freund Lönne . Ich sagte ihm, daß ich nun die Rede am Ehrenmahl vorbereiten wolle...ich aber noch keine einschneidende Idee habe...das Grundthema ist eigentlich immer das gleiche.

Da schoss es mir durch den Kopf...und ich sagte ihm...ich werde im Mai am Ehrenmahl eine Rede halten und die Zuhörer an die vergangenen Kriege erinnern...sie dazu ermahnen diese grausame Zeit nicht ins vergessen geraten zu lassen.

Und ich habe es bis heute nicht geschafft, das Grab meines Großvaters zu besuchen, der in Frankreich im Krieg gefallen ist.

Aber....mir fehlte die Zeit....habe ich mir selber eingeredet...

Spontan fassten Lönne und ich den Entschluß kurzfristig den Friedhof in Frankreich zu besuchen.

Nach diesem Freitag wurde ich morgens wach und das Thema dieser Rede stand für mich fest: Zeit

Wir sind mit mehreren Freunden gemeinsam zu dem Grab meines Opas in der Nähe von Paris gefahren.

Es war für mich eine Zeit der Besinnung...Zeit der Ehrfurcht...ich bin froh mir diese Zeit endlich genommen zu haben.

Und ich möchte an dieser Stelle anmerken das die Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine hervorragende Institution ist, haben wir doch einen äußerst gepflegten Friedhof vor gefunden.

Die Sammlungen unter anderem durchgeführt durch unsere Jungschützen sind ein sinnvoller Beitrag

den gefallenen des Krieges ein würdiges Denkmal zu erhalten.

Mein Opa hat wie tausende andere Soldaten mit nur 41 Jahren sein Leben geopfert...er ist Opfer einer sinnlosen Zeit geworden...ihm wurde wertvolle Zeit mit seiner Frau und den 3 kleinen Kindern geraubt.

Ich weiß nicht was er noch für Pläne mit seinen Kindern hatte... nach dem Krieg. Er hat sich ganz bestimmt darauf gefreut sie heranwachsen zu sehen...er hat sie kaum gekannt..so klein waren sie als er in den Krieg ziehen mußte, und von diesem nicht mehr heimgekehrt ist.

Und ich habe kürzlich seinen letzten Brief gelesen den er aus Frankreich nach Hause geschickt hat...ich war sehr erstaunt über welche Alltagsdinge er in diesem und auch anderen Briefen geschrieben hat...wohl wissend das die Briefe der Soldaten zensiert wurden.

Hier einige Auszüge aus seinem letzten Brief Anfang Dezember 1941

Liebe Maria

Das Steckrübenkraut muß schön auseinander geworfen werden.

Wo jetzt die Runkeln waren können nächstes Jahr auch wieder welche hin kommen, Runkeln können das vertragen

Auch der Hühnerstall kann gereinigt werden, alles aufs Runkelland, die werden nicht zu fett.

Gestern habe ich zwei Schrupper gekauft, die probier mal sofort, wie die sind

Wie ich Dir schon schrieb, wird es mit dem Urlaub zu Weihnachten nichts.

Sonst geht es mir noch recht gut.

Ihm war kein Urlaub mehr vergönnt, er kehrte nie wieder heim.

Seine Kompanie wurde mit Typhus Bakterien vergiftet.

Sieben Wochen nach diesem letzten Brief verstarb er am 29. Januar 1942.

Die Vorbereitung, die Recherchen für diese Rede haben mich sehr nachdenklich gemacht.

Mir wurde bewusst wie wichtig Zeit ist, diese sinnvoll zu nutzen....sinnvoll nutzen zu können... bzw. zu dürfen.

Meinem Opa und allen die im Krieg ihr Leben verloren haben, aber auch diejenigen die aus dem Krieg heim gekehrt sind, denen war es nicht vergönnt, ihre Zeit eigenständig planen zu dürfen.

Auch der Zeitpunkt des Sterbens entzieht sich unserer Einflussnahme.

Gottes Plan...weil er die Zeit für richtig hielt..war es, einige Schützenbrüder aus unseren Reihen zu sich zu rufen...

Dieses waren im vergangen Jahr

Otto Rehage

Andreas Freise

Reinhard Röhr

Heinz Sieweken

Wilhelm Ridder

Hubert Bücker

Franz Gehrmann

Werner Döinghaus

Heinrich Aschhoff

Alfred Reimann

Helmut Schulte

Adolf Sagemerten

Theo Sobbe

Herr gib ihnen die ewige Ruhe

Ich möchte an dieser Stelle ...das wir uns Zeit nehmen...Zeit um an die gerade genannten verstorbenen zu erinnern...aber auch Zeit, an die Gefallenen des Krieges zu denken...oder eines verstorbenen Familienmitglied...mit den Gedanken bei einem Kranken aus dem Freundeskreis zu sein um ihm Heilung zu wünschen...einfach nur 1 Minute mit den Gedanken bei anderen zu sein.

Danke für Eure Zeit des Nachdenkens.....

Ein Sprichwort besagt: Die Zeit heilt alle Wunden..

Gemeint sind nicht die körperlichen sondern die seelischen Wunden.

Ich vermag es nicht zu beurteilen, ob die Zeit die seelischen Wunden des Krieges heilt.

Wir haben kürzlich 4 der eben genannten Schützenbrüder zu Grabe getragen, die den Krieg erlebt haben.

Dieses waren : Wilhelm Ridder, Hubert Bücker, Franz Gehrmann, und Adolf Sagemerten

Es waren die letzten Zeitzeugen aus unserem Kreis, die den Krieg erlebt haben

Wir können sie nicht mehr fragen, ob die Zeit alle Wunden heilt.

Sie waren alle über 90 Jahre...nach unserem Empfinden...war die Zeit gekommen..sie haben ein erfülltes Leben gehabt..es ist der richtige Zeitpunkt.

Wir haben aber auch wesentlich jüngere zu Grabe getragen...da fragen wir uns...war das die richtige Zeit...war es nicht viel zu früh.

Wir werden es nie ergründen, und es entzieht sich unserer Einflussnahme...und das ist gut so...diese Zeit wird von anderer Stelle bestimmt.

Lasst uns sinnvoll mit der Zeit umgehen...nach dem Sprichwort...lebe jeden Tag als sei es dein Letzter...wir haben die Möglichkeit, ja das Privileg unser Leben annähernd eigenständig gestalten zu dürfen..wir können und sollten uns die Zeit nehmen

um Streitigkeiten zu beenden das ist im Kleinen Kriegsvermeidung

Tolerant für andere Kulturen und Religionen zu sein...auch gerade auf unserem Schützenfest

uns die Zeit zu nehmen, nachdenklich zu sein, um festzustellen, wie gut es uns geht..dürfen wir doch in Frieden leben

sich einfach die Zeit zu nehmen, das Grab des Großvaters zu besuchen...

Ich möchte nun meine Rede mit einem Zitat von Albert Carnus beenden, das da lautet:

Es ehrt unsere Zeit, das sie genügend Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben.

Liebe Zuhörer...Lasst uns diese Angst bewahren....

Ich bedanke mich für Eure Zeit, die Zeit die ihr mir geschenkt habt, die ihr mir zugehört habt, und ich hoffe es war keine vergeudete Zeit.

Vielen Dank

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